Vor einigen Tagen habe ich euch bereits den neuen Roman von Bijan Moini vorgestellt. In “Der Würfel” stellt er eine Gesellschaft vor, die Datenschutz nicht kennt. Jeder gibt seine Daten gern und freiwillig her um damit ein besseres Leben für sich und alle anderen zu erreichen. Ausgenommen sind hier einige Religione, Widerständler und natürlich Radikale.

Der Datenschutz wurde in dieser Gesellschaft abgeschafft. Wer nicht in einer WfZ (würfelfreien Zone) wohnt, trägt sogenannte SmEyes und SmEars, mit denen er intuitiven Zugriff auf zahllose Apps hat. Alle werden vom Würfel angeboten und ihre Nutzung natürlich auch ausgewertet. Je vorhersehbarer ein Mensch ist, desto höher ist sein PredScore. Dieser Score ist ausschlaggebend für den Job, Freundschaften, Gehalt und alles andere. Menschen mit niedrigem PredScore werden gemieden, da dies Auswirkungen auf den eigenen Score und damit das eigene Leben haben könnte.

SmartPhone Apps – Quelle: Pixabay

Gut, dass diese Gesellschaft nur in einem Buch existiert und damit reine Fiktion ist oder? Nicht auszudenken welche Auswirkungen ein solches Bewertungssystem haben könnte. Doch halt: Wie weit ist Bijan Moini wirklich von der Realität entfernt? Längst haben wir alle ein SmartPhone mit unzähligen Apps darauf. Wer keines besitzt oder gar ein zu altes Modell sein Eigen nennt, wird schnell ausgeschlossen. SmartPhones sind zum Statussymbol avanciert. Während wir uns vor einigen Jahren noch über die Datensammelwut von Apple aufregten, wird diese heute bereits totgeschwiegen. Über Apps werden unser Standort und unsere Vorlieben erfasst, auf deren Basis wir weitere Vorschläge angezeigt bekommen. Personalisierte Werbung ist hier nur ein kleiner Punkt, der die heutigen Möglichkeiten der bereits gesammelten Daten aufzeigt.

Natürlich, es gibt immer wieder einen Aufschrei sobald ein Datenschützer auf eklatante Missstände hinweist. Auf der anderen Seite stöhnen aber auch viele von uns auf, wenn der Datenschutz verschärft wird. Erinnert euch nur an die Neuerungen der DSGVO im letzten Jahr. Ein großer Aufschrei ging durch die Bloggerszene aber auch durch den Online-Handel. Die Daten unserer Nutzer sind längst zu einem essenziellen Bestandteil unserer Seiten geworden. Was gefällt unseren Lesern? Worauf sollten wir uns mehr konzentrieren? Was kann vielleicht noch besser werden? Google und Co tracken alle ihre Bewegungen und bereiten die gesammelten Daten für uns auf – natürlich ohne sie in irgendeiner Form selbst weiter zu nutzen *Ironie off*.

Meinungsumfrage – Quelle: Pixabay

Wirklich erschreckend sind für mich allerdings nicht die bereits bestehenden und uns eigentlich bewussten Parallelen. Erst kürzlich habe ich einen Artikel über den eingeführten Social Score in China gelesen. Dieser soll die Bewohner der Städte für positives Verhalten und bei schlechtem Benehmen entsprechend abstrafen. Wirklich erschreckend ist allerdings eine Umfrage, die von YouGov und dem SINUS Institut in Anlehnung an den chinesischen Social Score durchgeführt wurde. 17% der befragten Deutschen würden ein solches System befürworten. Da tröstet es auch nicht, dass ein solcher Score von zwei Dritteln abgelehnt wird – noch. Gerade dieses unterschwellige “noch” finde ich hier verstörend. Aus den vergangenen Datendebatten haben wir gelernt, dass dieses “noch” wahrscheinlich und (ja) leider nicht allzu lange bestehen bleiben wird.

Stehen wir bereits am Rande des Würfel-Systems?

Ich frage mich also, wie weit sind wir tatsächlich noch von Moinis “fiktiven'” Gesellschaftssystem entfernt? Wer sich die Details der Umfrageergebnisse ansieht, merkt schnell, dass es gar nicht mehr so weit dahin ist. Auch wenn die junge Generation von 18 bis 24 der Idee des Social Scores, und damit der Bewertung ihrer Mitmenschen, kritischer gegenüber steht, so sind es doch vor allem die Befragten ab 25, die diese Idee durchaus gut finden. Sie befürworten die Möglichkeit Mitmenschen für schlechtes Verhalten zu “bestrafen”. Ist der Social Score zu niedrig soll beispielsweise die Kreditwürdigkeit geringer oder die Möglichkeiten für gut dotierte Jobs sollen eingeschränkt werden – um nur zwei Beispiele zu nennen.

Und noch etwas fällt auf: Wer bereits gesellschaftlich gut gestellt ist, findet die Idee hinter dem Social Score tendenziell besser. Die unteren Gesellschaftsschichten sind hier deutlich kritischer. Natürlich muss die Chance auf Verbesserung anerkannt werden, die hinter den Möglichkeiten der Scores steckt – aber um welchen Preis?

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