Ist dieser Titel nicht toll? Er allein machte mich auf dieses Buch aufmerksam, das Cover war komplett nebensächlich – obwohl es ja meist zuerst wahrgenommen wird. Der Titel machte mich jedoch derart neugierig, dass ich den Klappentext ansehen und in die Leseprobe gucken musste.

Im englischen Norfolk verschwindet ein Mädchen. Bei dichtem Nebel scheint die achtjährige Carmel wie vom Erdboden verschluckt. Es gibt keine Hinweise, niemand hat sie gesehen, die Polizei tappt im Dunkeln. Carmels Mutter Beth, seit kurzem wieder Single, gibt sich voller Verzweiflung selbst die Schuld: Hat sie Signale übersehen, nicht genug achtgegeben auf ihr einziges Kind? Carmel ist ein besonderes Mädchen: Sensibel und reifer als andere in ihrem Alter, verhält sie sich oft rätselhaft, wirkt abwesend, verträumt. Zwischen Hoffnung und Ohnmacht sucht Carmels Mutter schließlich selbst nach ihr. Schritt für Schritt geht sie zurück in der gemeinsamen Zeit, denn jede Kleinigkeit zählt. Für Carmel beginnt währenddessen eine lange und ungewöhnliche Reise. Spannend bis zur letzten Zeile erzählen Beth und Carmel im Wechsel diese zutiefst bewegende Geschichte über eine Mutter und ihr verloren gegangenes Kind.

Der Klappentext klingt super, steht zwar in leichtem Kontrast zum Buchtitel aber für mich stand hier eh schon fest: “Das Buch muss ich lesen oder ich werde es ewig bereuen” XD Ich war mega gespannt und hatte (zugegeben) auch relativ hohe Erwartungen, da ich mir doch recht schnell eine gewisse Richtung für dieses Buch vorstellte. Der Einstieg in die Geschichte war dann auch sehr gut. Der Schreibstil ist ruhig und verspricht Tiefgang.

Manchmal frage ich mich, ob ich still daliegen muss, wenn ich tot bin.

Zitat S. 9

So ruhig der Schreibstil ist, so erschreckend ist teilweise auch die Wortwahl. Die Handlung wird von Kate Hamer aus zwei Perspektiven erzählt, jener der Mutter und jener der Tochter. Letztere wirkt hierbei oft sehr altklug und in sich gekehrt. Sie ist nicht so fröhlich und unbeschwert wie andere Kinder in ihrem Alter. Nun könnte man darüber diskutieren, ob das an der Scheidung ihrer Eltern oder an der Hypernervosität ihrer Mutter liegt. An so mancher Stelle hatte ich das Gefühl, dass hier nicht nur die Mutter ihre Tochter versorgt sondern es zumindest ein Stück weit auch anders herum ist. Das finde ich beachtlich, denn Hamer hat diese Feinheiten fast nebenbei herausgearbeitet ohne den Leser mit Worten zu erschlagen. Dennoch musste ich beim Lesen so manches Mal schlucken.

Für die meisten Erwachsenen sind Kinder nur Mäuse auf dem Boden, mit einem winzigen Gehirn.

Zitat S. 33

“Das Mädchen, dass rückwärts lief” ist ein Buch mit überaus starken Charakteren. Mutter wie auch Tochter sind mit viel Liebe fürs Detail ausgearbeitet. Der Schmerz der Mutter beim Verlust der Tochter ist immer wieder sehr gut nachvollziehbar. Auf der anderen Seite ist jedoch auch die Trauer der Tochter, die Wut und die Verzweiflung beider mehr als spürbar. Der ruhige Schreibstil unterstützt diese Wirkung noch. Hier muss nichts groß ausgeschmückt werden. Hamers Stil ist gut überlegt, mit Härte an passenden Stellen und tröstenden Worten an anderen. Insgesamt ein mehr als gelungenes Werk, das unbedingt gelesen werden sollte. Hier geht es nicht einfach nur um ein verschwundenes Mädchen, eine überforderte und letztlich verzweifelte Mutter. Es geht um Beziehungen, Vorurteile, Ansichten aber eben auch Lösungen und Sichtweisen. Ein sehr gutes Buch, das sich die volle 5-Sterne Bewertung in meinen Augen mehr als verdient hat.

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