Ein Cover, das eher unscheinbar wirkt. Ein Titel, der nach Leichtigkeit klingt. Ein Klappentext der inhaltliche Tiefe erkennen lässt. „Der Tag an dem der Sommer begann“ ist schon beim ersten oberflächlichen Blick ein Roman, der mehr verspricht – mehr Substanz, mehr Facetten, mehr Emotionen. Meine erste Reaktion beim Entdecken dieses Buches war daher direkt klar: Ich muss es lesen!

Großmutter, Mutter und Tochter unter einem Dach – ob das gut gehen kann? Nur widerwillig gibt die achtzigjährige Honor ihre Unabhängigkeit auf und zieht zu Schwiegertochter Jo und Enkelin Lydia. Bald stellt sich heraus, dass die drei so unterschiedlichen Frauen mehr verbindet als geahnt: Jede von ihnen hütet ein Geheimnis um Liebe und Schuld. Doch was passiert, wenn sie den Mut finden, einander zu vertrauen?

Der Einstieg ins Buch ist wie der erste Eindruck: Packend, unterhaltsam und leicht komisch. Insgeheim bewundere ich Jo dafür, wie sie mit ihren Kindern zurechtkommt – trotz der entnervten Blicke umstehender. Honor ist dagegen eine ganz andere Sorte Mensch. Als Akademikerin läuft sie immer etwas aufrechter, scheint ihre Schwiegertochter stetig mit ihren Blicken zu maßregeln und trauert noch immer ihrem lange verstorbenen Sohn hinterher. Jos Trauer tritt da fast in den Hintergrund und auch die beiden Kinder ihres zweiten, inzwischen Ex-Ehemannes machen es nicht besser – eher im Gegenteil.


Fakten zum Buch

Titel: Der Tag an dem der Sommer begann
Autor: Jolie Cohen
Verlag: Diana
Seiten: 432
ISBN: 978-3-453-35912-3
Ausgabe: Taschenbuch – 9,99€*
weitere Ausgaben: eBook – 8,99€*

Mehr zum Buch findet Ihr auf den Seiten des Verlags.


Bevor ich weiter ins Detail gehe, möchte ich zunächst die Autorin zu ihrem Gespür für Protagonisten beglückwünschen. Auch wenn in diesem Roman manches fast einem Klischee entsprungen zu sein scheint, hat sie es geschafft jeder Figur die notwendige Tiefe zu geben um es realistisch erscheinen zu lassen. Sowohl Lydia wie auch Jo und Honor haben ihre ganz eigene Geschichte und jeweils eigene Probleme/Herausforderungen, denen sie sich stellen müssen. Ich gebe zu, dass der Konflikt zwischen Honor und Jo nicht unbedingt überraschend ist. Schwiegermütter und Schwiegertöchter haben meist eine eher schwierige Beziehung. In dem Fall der beiden Frauen wird diese durch den Tod der verbindenden Figur noch erschwert. Lydia als pubertierender Teenager geht hier fast verloren, wenn sie nicht selbst einen wichtigen Teil im Problemgefüge des Buches ausmachen würde. Tatsächlich bewundere ich Cohen hier für die Wahl des Themas, das gleichermaßen ernst wie alltäglich ist.

Sie sagte, man müsse immer das Positive sehen – obwohl doch klar war, dass alles viel besser gewesen wäre, wenn Dad nicht gestorben wäre und wenn Mum Richard nicht geheiratet hätte.
Zitat S. 117

Wer nun meint, es handele sich bei „Der Tag an dem der Sommer begann“ lediglich um eine Aneinanderreihung dargestellter Probleme, der irrt. Jede der drei Frauen hat ein Geheimnis, welches zwar der Schlüssel zu ihrer Alltagsherausforderung ist, dennoch wird keine von ihnen davon dominiert. Die zu befürchtende Schwere des Romans bleibt also aus. Hier ist es Cohen sehr gut gelungen die verschiedenen Handlungsfäden, Ideen und Hintergründe und Ideen miteinander zu verweben, sodass ein überzeugendes Gefüge entsteht.

Abgerundet wird die emotionale wie erzählende Tiefe des Romans durch den Schreibstil der Autorin. Die Aufteilung der einzelnen Kapitel in tatsächlich geschehende Handlungen sowie die geschriebenen Worte Lydias machte es mir als Leser einfach, der Entwicklung der einzelnen Figuren zu folgen. Jedes Kapitel beginnt mit dem Namen der aktuell „erzählenden“ Figur.

„Der Tag an dem der Sommer begann“ ist kein einfaches Buch für ein paar unterhaltsame Lesestunden. Dieser Roman überzeugt durch Tiefgang, mit einer klaren Botschaft und einem durchdachten Stil.

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