„Bis zum letzten Tropfen“ von Mindy McGinnis aus dem Heyne Verlag ist eine Dystopie, die anders ist als alle von mir bisher gelesenen. Im Grunde könnte man auch sagen, das ganze Buch an sich ist irgendwie anders, auch wenn ich dieses Gefühl oder besser gesagt den Grund nur unzureichend beschreiben kann.

Nach einer Choleraepidemie und dem Zusammenbruch der Zivilisation ist sauberes Wasser das wertvollste Gut. Die sechzehnjährige Lynn hat schon früh gelernt, es um jeden Preis zu verteidigen. Gemeinsam mit ihrer Mutter bewohnt sie ein einsames Farmhaus und verbringt ihre Tage damit, Brennholz und Nahrung zu beschaffen. Und den Teich hinter dem Haus vor durstigen Eindringlingen zu schützen. Als eines Tages ein Fremder auftaucht und Lynn und ihre Mutter Fußspuren um den Teich herum entdecken, wird ihnen sofort klar, dass jemand ihre geheime Quelle entdeckt hat. Der Ernstfall, auf den Lynn seit Jahren vorbereitet ist, scheint einzutreten. Eigentlich hat sie keine Angst. Doch dann wird ihre Mutter von Kojoten schwer verletzt. Und Lynn muss sich in den umliegenden Siedlungen Hilfe suchen, denn allein kann sie die Farm nicht retten.

Ich wurde auf dieses Buch beim Stöbern aufmerksam – wie auf so viele. Dennoch war es hier der Titel der direkt sagte „mich musst du lesen“. Der Klappentext war fast egal, der Titel „Bis zum letzten Tropfen“ klang so verheißungsvoll, dass ich unbedingt mehr erfahren wollte – zumal oder gerade weil es nach dem Cover augenscheinlich nicht um Vampire oder ähnliches gehen würde. Bei einem solchen Buch wirkt der Titel fast schon ein wenig plump (entschuldigt, aber ich habe tatsächlich entsprechendes mit diesem Titel gesehen).

Lynn war neun, als sie das erste Mal tötete, um den Weiher zu verteidigen. Der süße Geruch des Wassers hatte den Mann angelockt, den sie abschoss wie die Rauchschwalben, wenn sie herabstießen, um zu trinken.
Zitat S. 7

Schon der Einstieg ins Buch ist anders. Wer beginnt schon damit, dass die Hauptperson erstmals im Alter von 9 Jahren getötet hat? Ok, in der beschriebenen Weltsituation sicherlich nachzuvollziehen, nicht zuletzt da Wasser nun überall ein sehr kostbares Gut ist. Die Kälte mit der diese Information jedoch dargestellt wird, ist fast schon erschütternd. Das ist irgendwie auch der gesamte Schreibstil. Er ist einfach, abgehakt und scheinbar ohne jede Emotion – eben so wie die Hauptperson Lynn. Vielleicht wirkt das Buch gerade dadurch so befremdlich? Man hat einerseits Mitleid mit diesem Mädchen, welches kein anderes Leben kennt und andererseits fragte ich mich dauernd, wie sie dennoch teilweise fast naiv sein konnte. Geht überhaupt beides? Anscheinend schon.

Sie wandte sich heimwärts und stellte fest, dass sie ihr Zuhause nicht vermisst hatte. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie fort vom Weiher gewesen und hatte sich nicht beeilt, wieder zurückzukommen.
Zitat S. 184

Mit Lynn ändert sich über das Buch auch der Schreibstil. Plätzlich schleichen sich unmerklich Emotionen dazwischen. Das geschieht unbewusst und verstärkt das befremdliche Gefühl nur noch. Fast ist es, als wäre man als Leser genauso verwirrt darüber wie Lynn. Erstaunlich. Wenn ich bedenke, dass ich mich die ganze Woche über gefragt habe, was ich über dieses Buch sagen möchte, so wird es mir doch jetzt erst während ich hier schreibe richtig klar. Dieses Buch ist anders, ja. Das hätte mir eigentlich schon bei der Widmung auffallen müssen. Der Schreibstil ist anders und auch der Dystopieansatz ist gänzlich neu. Die Hauptfigur ist kalt aber nicht wirklich unsympathisch, sie gewinnt den Leser mit der Zeit für sich – ebenso wie das Buch. Es ist fast, als würde man sich selbst erst in dieser unwirklichen Welt zurecht finden müssen.

„Bis zum letzten Tropfen“ ist ein gänzlich anderes Leseerlebnis als ich erwartet hatte. Es ist befremdlich aber mitreißend. Die Charaktere sind nicht überragend aber doch relativ überzeugend. Teilweise wirkt es etwas zu gestellt und manchmal etwas unrealistisch, dennoch hat es mich überzeugt. Aufgrund der leichten Schwächen aber des doch insgesamt überzeugenden Inhalts vergebe ich hierfür 4 Sterne, denn eines steht fest: Ich muss auch den zweiten Band unbedingt lesen – auch oder vielleicht gerade weil ich nicht so genau weiß warum eigentlich.

2 Replies to “Bis zum letzten Tropfen

  1. Hallo Annett!
    Als ich gesehen habe, dass du das Buch rezensiert hast, musste ich natürlich sofort vorbeikommen ;-). Ja, es ist wirklich anders. Auch ich empfand die Geschichte als außergewöhnlich, weil hier die Hauptfigur, die anfangs sehr emotionslos ist, zu diesem kalten Erzählstil passt.
    Interessant finde ich, was du zum Wechsel vom Schreibstil sagst. Dass dieser auch den Leser verwirrt ebenso wie die Hauptfigur selbst – das verstärkt meine Mutmaßung noch mehr, dass die Geschichte beinahe schon zu perfekt ist ;-). Von der technischen Seite betrachtet wirklich eine Meisterleistung.

    Ja, auch ich will den zweiten Teil unbedingt lesen. Und ich weiß auch nicht genau, warum eigentlich wirklich *lach*.

    Schönes Wochenende dir, liebe Grüße, Iris

    1. Das interessante ist, liebe Iris, dass wir tatsächlich mal komplett einer Meinung sind. Hatten wir so auch noch nicht ^^ Allein das ist doch auch eine Meisterleistung 😉 Ich habe lange gehadert, welche Bewertung ich diesem Buch geben möchte. Für 3 Sterne fand ich es zu gut, für 5 aber eben nicht gut genug. Es sind solide 4, denn irgendwas hat es an sich, dass mich persönlich auch jetzt noch nicht wirklich losgelassen hat.

      Grüße
      Annett

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